In meinem vorletzten post schrieb ich über die kleinen Pilze, die ich eines sonnigen Spätherbst-Tages im Wald fotografierte. An demselben Tag fing ich auch Moose und Flechten mit der Kamera ein, deren beste Fotos ich nun in diesem post vorstellen möchte. Im Gegensatz zu vielen Pilzen sind die Moose und Flechten allerdings das ganze Jahr über anzutreffen.
Ich habe versucht, die Flechten und Moose nachträglich so gut wie möglich zu bestimmen. Da ich auf diesem Feld aber sehr unerfahren bin, bleibt die Bestimmung unsicher. Verbesserungen der Bestimmungen nehme ich gerne an.
Die Flechten
Flechten sind ja bekanntlich weder Pflanze, noch Pilz, sondern etwas Komisches dazwischen. Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass Flechten aus mehreren verschiedenen Organismen bestehen, die in einer Symbiose ko-existieren. Ob es sich dabei um eine mutualistische Symbiose handelt, also beide Partner profitieren, oder um einen Parasitismus, einer der Partner also profitiert, dabei jedoch die biologische Fitness des anderen reduziert, ist noch Gegenstand der Forschung und vermutlich auch von Fall zu Fall verschieden.
Die Partner der Flechten-Symbiose sind typischerweise ein Pilz (Mykobiont, im Großteil der Fälle Ascomyceten), eine Grünalge und/oder ein Cyanobakterium (Photobiont). Der Mykobiont bildet mit seinen Pilzfäden (Hyphen) quasi das Stützgerüst, in den Zellschichten dazwischen befinden sich die Zellen des/der Photobionten. Durch die photosynthetisch hergestellten Nährstoffe der Alge bzw. des Bakteriums kann der Mykobiont überleben und schützt seinen Partner im Gegenzug u.a. vor zu raschem Austrocknen. Dass diese Symbiose teilweise als "kontrollierter Parasitismus" bezeichnet wird, liegt daran, dass der Mykobiont die Vermehrung und das Wachstum des Photobionten reguliert. Ohne den Pilz könnten sich die Grünalgen und Cyanobakterien also stärker vermehren als es mit ihm der Fall ist.
Welche Form, Struktur und "Konsistenz" eine Flechte hat, wird vor allem durch das Pilzgeflecht bestimmt. Man unterscheidet Krustenflechten, Laub- oder Blattflechten, Strauchflechten und Gallertflechten.
Die Krustenflechten begegnen uns dabei wahrscheinlich häufiger als wir es wahrhaben. Sie wachsen nicht selten auf Gestein , Mauern, Beton und teilweise auch Kunststoff (wie zum Beispiel Stromkästen). In Innenstädten verwechseln wir manche Vertreter sicherlich oft mit eingetrocknetem Kaugummi, trampeln mit unseren Füßen auf ihnen herum, wenn wir den Gehweg betreten, nehmen sie stellenweise vielleicht gar als Dreck wahr, dessen Herkunft wir uns zugleich nicht zu erklären wissen. Unter den Krustenflechten gibt es eine Art, die in gewissen Fällen schon zur Datierung bspw. verwitterter Grabsteine herangezogen wird: Die Landkartenflechte Rhizocarpon geographicum (übrigens neben der Zierlichen Gelbflechte die erste Flechte im Weltall). Nach einer Initialphase verläuft das Wachstum in sehr gleichmäßigen Raten, sodass je nach Größe Aussagen über das Alter gemacht werden können. Bei einer grönländischen Landkartenflechte konnte schon ein Alter von über 4500 Jahren nachgewiesen werden. - Eine weitere sehr häufige Krustenflechte ist die Mauerflechte Lecanora muralis, hier auf dem Gehweg neben unserer Straße. Das Moos wächst in einer Fuge zwischen den Gehwegplatten.
Eine andere Krustenflechte beobachtete ich auf Baumstämmen in Form von Lepraria sp. - man mag sie für eine Art Pilzbelag halten, doch es handelt sich um eine Flechte. Die feingranulare Oberfläche setzt sich aus vielen sogenannten Soredien zusammen, d.h. Gruppen von Algenzellen, welche von Pilzfäden umsponnen sind.
Die Gewöhnliche Gelbflechte Xanthoria perietina gehört wahrscheinlich zu den Laub- oder Blattflechten und ist ebenso sehr häufig anzutreffen. Im Winter fällt sie an den Ästen verschiedener Sträucher wachsend auf. Es wird vermutet, dass die Ausbreitung der Art über Hornmilben geschieht, welche auf der Flechte leben. Im Kot dieser Milben konnten Sporen des Mykobionten und Zellen des Photobionten, in diesem Fall einer Grünalge, nachgewiesen werden. Durch die Verbreitung des Milbenkots könnten der Flechte neue Standorte erschlossen werden. Als Nahrung für manche Schmetterlingsraupen kommt ihr eine gewisse ökologische Bedeutung zu. Wie schon erwähnt handelt es sich um eine häufige Art; sie kommt vor allem an stark gedüngten Orten vor und wird daher so schnell wohl nicht seltener werden...
Die nächste Flechte gehört vielleicht zur Gattung Punctelia. Ich fand sie vor allem an Baumrinde zwischen Moosen wachsend. An ähnlichen Stellen wuchsen auch auffällige trompetenförmige Strukturen heraus. Bei diesen Strukturen handelt es sich um sogenannte Podetien der Trompetenflechte Cladonia fimbriata. An der Spitze der Podetien befinden sich die Fortpflanzungsorgane der Flechte.
Die Moose
Moose sind eine stammesgeschichtlich sehr alte Pflanzengruppe und unterscheiden sich von den"üblichen" Pflanzen unter anderem dadurch, dass sie kein Stütz- und Leitgewebe (also z.B. Wasser- und Nährstoffe leitendes Gewebe) ausbilden. Sie durchlaufen einen Generationswechsel, bei dem sich eine geschlechtliche und eine ungeschlechtliche Form abwechseln. Die ungeschlechtliche Form stellt die eigentliche Moospflanze dar. Die geschlechtliche Form entsteht aus Sporen, welche zum Beispiel auf gestielten Strukturen in sogenannten Sporangien ("Samen-" oder "Sporenkapseln") entstehen.
Vermutlich aufgrund der Krücken-ähnlichen Form, die die Sporangien mit ihren Stielen bilden, hat das Krücken-Kurzbüchsenmoos (Brachythecium rutabulum) seinen Namen erhalten. Auf einem der Fotos sieht man sehr schön, wie vielen Stielchen die Sporangien bereits fehlen; wie kupferne Lärchennadeln ragen sie im Streiflicht der Sonne aus ihrem Moospolster.
Beim Mauer-Drehzahnmoos (Tortula muralis), welches ich, passend zu seinem deutschen und wissenschaftlichen Namen, an einer kleinen Mauer fand, sehen die Sporangien schon anders aus (es sind diese länglich-tropfenförmigen Gebilde mit den schwarzen Spitzen). Diese Moosart ist weltweit verbreitet; einst auf Kalkfelsen-reiche Lebensräume beschränkt, fühlt es sich auf allen möglichen Mauern, Betonflächen, Grabsteinen etc. wohl. Wenn wir in einer Innenstadt ein polsterförmiges Moos sehen, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit das Mauer-Drehzahnmoos.
Zuletzt habe ich noch ein richtiges Mini-Mooskissen, undzwar in Form des Zwerg-Goldhaarmooses (wenn die Bestimmung stimmt), Gattung Orthotrichum. Rings um diesen kleinen grünen Stippen wachsen Mauerflechten.
Und wat hat dat Kind davon?
Wieso sollte man sich um so etwas wie Flechten kümmern? Flechten, Moos... das Zeug wächst halt irgendwie draußen, macht hübsche Grabsteine kaputt und sorgt dafür, dass man mehr Putzaufwand auf der Terasse hat. Eigentlich doch nur doof.
Mitnichten. Mal ganz von der ästhetischen Freude abgesehen, die man bei der näheren Betrachtung dieser Organismen erfährt, haben sie ganz verschiedene Nutzen. Wir haben oben schon gesehen, dass sich manche Schmetterlingsraupen von der Gewöhnlichen Gelbflechte ernähren. Die vor allem, aber nicht nur, im Norden Europas wachsenden Rentierflechten tragen ihren Namen nicht ohne Grund, ernähren sich die Rentiere doch fast ausschließlich von ihnen. Auch in der menschlichen Ernährung mancher Kulturen spielen Flechten eine Rolle, ebenso in der Medizin. Als Naturfarbstoff sind einige Flechten zum Einfärben von Wollstoffen benutzt worden.
Bei den Moosen sind weitaus weniger wirtschaftlich relevante Nutzen bekannt, sieht man einmal von der Bedeutung des Torfmooses ab. Historisch wurden Moose viel als Polster- und Dämmmaterial verwendet. Einige Moose besitzen antimikrobielle Eigenschaften. Da Moose ausgezeichnete Feuchtigkeitspuffer darstellen (ein Tipp für Pilzsammler, die das Austrocknen der "Beute" bis nach Hause vermeiden wollen), würde es mich jedoch nicht wundern, wenn man ihnen künftig eine zunehmende Bedeutung im Klima naturnaher , aber durch klimawandelbedingt häufigere heiße Sommer leidender Wälder zuspricht. Nicht zuletzt sind wohl Flechten als auch Moose gute Bioindikatoren für die Luftqualität, da manche Arten sehr empflindlich auf Verschlechterungen dieser reagieren. Durch Prüfung des Vorkommens oder Fehlens gewisser Arten ist es somit möglich, Aussagen über die Luftqualität an einem Standort zu machen.