Kartoffel-Katastrophen
Mit dem Anfang des Herbstes beginnt so langsam das Ende des Garten-Jahres - zumindest bei mir. Die Blumenwiese ist noch einmal abgesenst, mit Ausnahme einer Überwinterungsecke für Tiere, inklusive Nachtkerzen-Snackbar für Stieglitz und Co., und im Gemüsegarten wird vor allem geerntet und aufgeräumt. Dort, wo die Kulturen das Beet verlassen haben, wird eine Gründüngung aus Winterroggen ausgesäht und mit einer nicht zu dicken Mulchschicht bedeckt. Kürzlich war das Kartoffelbeet dran.
Die Kartoffelernte sorgt bei mir immer für einen ordentlichen Schock. Nicht bei mir, ich genieße es, die Knollen aus der Erde zu buddeln und dabei nochmal dreckiger zu werden als sonst bei der Gartenarbeit. Nein, den Schock kriegen andere: Regenwürmer, Käfer und ihre Larven, Spring- und Doppelschwänze, Erd- und Steinläufer, Asseln, Spinnen, das gesamte Pilzgeflecht des Oberbodens und so weiter. Was vorher ein Milieu aus krümelig-feuchter Dunkelheit war, wird quasi auf Links gedreht. Licht flutet die Wurmlöcher, Wind umweht die Wurzelhaare. Ich freue mich zwar, eine Vielfalt an Bodenleben zu sehen und dabei das eine oder andere zu bewundern, zeigt es mir doch, dass es meinem Gartenboden nicht allzu schlecht gehen kann. Doch ich bemerke auch, dass all die plötzlich entblößten Lebewesen panisch zurück in die Erde fliehen.
Mulch statt Erde?
Eine alte Faustregel sagt, man solle die Setzkartoffeln 15cm tief in die Erde setzen, mit 30cm Abstand in und 60cm zwischen den Reihen. Und im Laufe des Jahres immer wieder mit Erde anhäufeln. Ich habe allerdings auch schonmal davon gelesen, man könne statt mit Erde anzuhäufeln, immer wieder neue, dicke Mulchschichten unter die Pflanzen zu schichten. Das hatte ich dieses Jahr eigentlich versucht, war teilweise aber wohl etwas zu nachlässig dabei, teilweise habe ich gar nicht so viel Mulchmaterial in einem Garten zusammen gekriegt. Man darf nicht vergessen: Auch in Schleswig-Holstein war es dieses Jahr zeitweise sehr heiß und trocken, da fällt nicht viel Pflanzenmasse an, mit der man nachmulchen könnte. Entsprechend fiel die Schicht unter den Kartoffelpflanzen letztlich doch etwas dünn aus.
Kriege ich es nächstes Jahr vielleicht besser hin? Wenn ich die Setzkartoffeln etwas weniger tief in den Boden lege und dann immer so viel Mulch nachlege, dass sie sicher feucht und bedeckt bleiben, muss ich im Herbst hoffentlich weniger tief buddeln - und das Bodenleben wird besser geschont. Im schlimmsten Fall könnte ich bei einem Landwirt in der Umgebung nach etwas Stroh fragen, wenn sonst kein Mulch zusammen kommt.
Langzeit-Futter aus Gras und Wolle
Das Pflanzenmaterial, mit dem der Boden bedeckt würde - meistens Grasschnitt - hält nicht nur die Oberfläche feucht, sondern füttert auch meine fleißigen Helfer im Boden, allen voran die Regenwürmer. Zusätzlich bleibt der Oberboden schön locker, selbst wenn ich viel gießen muss oder es öfter regnet: Der Mulch fängt den Aufprall des Wassertropfens ab, der Oberboden verschlämmt nicht und bleibt durchlässig. Das Wasser kann dadurch besser in den Boden gelangen.
Gras füttert auch Schafe und deren Wolle meine Kartoffeln. Kartoffeln sind nämlich Starkzehrer, sie lieben eine gute Nährstoff-Versorgung. Bio-Gärtner arbeiten gerne Hornspäne als Langzeitdünger in ihre Beete ein. Haare (und somit die Wolle) bestehen wie auch Horn vor allem aus Keratin, welches einen guten Stickstoff-Dünger abgibt. Deswegen ist auch Schafwolle ein hervorragener Dünger, der sich im Boden recht langsam zersetzt und somit der Pflanze über längere Zeit zur Verfügung steht. Egal, wie tief meine Töften am Ende im Boden liegen: ich bette sie immer in ein kuscheliges Nest aus Schafwolle.
No-Go Moorkartoffel
Vielleicht habe ich dieses Jahr jemanden überredet, das gleiche zu tun. Wir machten im Sommer beim "Offenen Garten" mit und empfingen Interessierte, die Austausch und Inspiration suchten oder einfach nur mal neugierig waren. Darunter war ein älterer Herr, mit dem ich über unsere Gemüsegärten sprach. Er berichtete, dass er - wie schon seine Eltern auch - das Pflanzloch für Kartoffeln so gestaltete: etwas Torf, dann die Setzkartoffel, dann wieder Torf, anschließend das Loch schließen. Dass man aus Umwelt- und Klimaschutzgründen "eigentlich" keinen Torf nutzen sollte, hat er auch schonmal gehört, aber die Kartoffel gediehen so gut. Ich erzählte ihm von den Vorteilen der Schafwolle (die nicht nur guter Dünger, sondern auch ein guter Wasserspeicher ist) und betonte, dass man ja auch sehr leicht an sie ran käme, da die meisten Schäfer die Vliese (leider!) entsorgen, manche aber kostenlos oder gegen kleines Geld etwas abgeben. Er war durchaus interessiert, ich habe die Hoffnung, dass er die Schafwolle nächstes Jahr ausprobiert.
"Moorkartoffeln", also solche Töften, die auf torfreicher Erde wachsen (also im entwässerten Moor), sollen ausgesprochen schmackhaft sein - sind aber aus Natur- und Klimaschutzsicht so ziemlich das schlimmste, was man mit Moorböden machen kann. Naturnahe Moore stoßen laut Mooratlas 0-8 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr aus, in gutem Zustand binden sie mehr CO2 als sie ausstoßen. Entwässerte Moore mit Grünlandnutzng (Mähwiesen, Weiden) stoßen rund 32 Tonnen CO2-Äquivalente/Jahr aus und schaden unserem Klima. Das toppt die Moorkartoffel (und andere Ackerfrüchte): mit rund 40 Tonnen CO2-Äquivalenten/Jahr machen sie den Boden um ihre Knolle zu einer fiesen Traubhausgas-Quelle. Unter dem Kapitel "Ackerbau - Subventionen für Klimakiller" veranschaulicht der Mooratlas nochmal deutlich, in welchen Landkreisen Deutschlands die "Mooräcker" im Jahr 2020 am stärksten zum Klimawandel beigetragen haben.
Der Ausweg
Zum Glück habe ich es in der Hand. Mein Garten liegt zwar in der Nähe eines, aber eben nicht im Moor. Der Boden ist sandig, mit Kompost und Mulch will ich den Humusanteil stetig erhöhen. Da ich den Platz dafür habe, kann ich meine Kartoffeln selbst anbauen, nach meinen eigenen Vorstellungen.
Das können leider nicht alle und der Supermarkt deklariert nicht, ob etwas auf entwässertem Moor gewachsen ist, ob der Boden schonend bearbeitet wird - oder nicht. Beim ökologischen Anbau wird tendentiell mehr auf Humusaufbau und schonende Bodenbearbeitung gesetzt als beim konventionellen Anbau. Der Griff zur Bio-Kartoffel sorgt also eher zu glücklichen Regenwürmern. Man muss aber kein Bio-Bauer sein, um bodenschonend zu arbeiten. Wer es hier ganz richtig machen will, geht entweder zum Wochenmarkt oder direkt zum Landwirt (an den Landstraßen sieht man oft die Schilder mit "Kartoffen", "frische/neue Kartoffeln" etc.) und fragt offen und neugierig nach, auf was für Böden die Knollen gewachsen sind und wie der Landwirt so arbeitet. Klar, das ist aufwändiger, als im Supermarkt einfach den nächstbesten Sack mitzunehmen. Es kann aber ganz interessant sein, mit unseren Lebensmittelerzeugern ins Gespräch zu kommen. Letztere freuen sich üblicherweise auch über das Interesse.
Wo immer es möglich ist, sollte man nasse Alternativen zum Mooracker unterstützen. Es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich für Moorschutz einzusetzen. Damit es für die Landwirte attraktiver wird, ihre auf Entwässerung basierende Bewirtschaftung aufzugeben, müssen die Alternativen attraktiv sein. Produkte aus Paludikultur müssen Abnehmer finden, Subventionen für ökologisch sinnvolle Maßnahmen müssen finanziert werden. Als "normale" Einzelperson erreicht man das, indem man - wo es geht - auf Paludi-Produkte zurückgreift (z.B. bei Haussanierungen), oder indem man solche politischen Parteien unterstützt, die sich für ein ökologisch sinnvolles System der Agrar-Subventionen einsetzen.
So, und jetzt wird es nochmal kurz philosophisch: Wir Deutschen lieben Kartoffen, Deutschland ist Kartoffelland. Welche Kartoffel wir wählen, entscheidet über unsere Zukunft. Denkt darüber nach.