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Wie ich mich in Moorlandschaften verliebte - und es nicht merkte

Moore haben es mir angetan. Ich kann nicht sicher sagen, warum, aber von diesem Lebensraum geht eine besondere Faszination auf mich aus. Dabei beschäftige ich mich erst seit Kurzem etwas intensiver mit ihnen. Die Landschaften selber aber begann ich zu bewundern, lange bevor ich überhaupt verstand, was ich da vor mir hatte.

Es begann, als ich während meines Studiums 2013 für ein Auslandssemester nach Göteborg reiste. Es war Anfang September, ein vergleichsweise trockener Herbstanfang mit viel Sonne stand mir bevor. Die erste Zeit war ich nicht viel an der Uni, der erste Kurs bestand nämlich aus Fernstudium und schließlich eine Woche Exkursion. In jenem Kurs lernte ich, Pilze zu bestimmen - dass ich nach draußen gehen und üben würde, war irgendwie logisch.

Aber es brauchte keine Pilze, um mich nach draußen zu locken. Ich wohnte angrenzend an das "Delsjö naturreservat", ein wundervolles Fleckchen schwedischen Waldes so nah an der Großstadt. Es war das erste Mal, dass ich skandinavischen Wald erforschen konnte. Andere Austausch-Studis hielten sich in Cafés auf, lernten die Kultur vor Ort kennen, machten Bekanntschaften mit anderen Menschen. Nicht ich. Ich war fast jeden Tag im Wald. Meine Bekanntschaften waren anderer Natur.

Verzaubert im Kleinen und Großen

Zwischen den Granitfelsen schienen Rumpelwichte und Trolle zu lungern. Doch sie behinderten mich nicht, wenn ich staunend mit dem Gesicht ganz nah an skurrile, blassblau-grüne Flechten, die irgendwie überall zu wachsen schienen, und blutrote Moose hing. Zwischen den Ästen der Kiefern, Birken und Espen riefen die Kolkraben, gegen Ende des Jahres zwitscherten Goldhähnchen wie viele kleine Silberglöckchen in den Zweigen der Fichten. Am liebsten saß ich an den Felsklippen und schaute auf einen der kleineren Seen des Gebietes, das Västra Långvattnet, hinunter.

Der schwedische Herbst brachte eine Farben-Vielfalt, wie ich sie bisher nicht gekannt hatte. Die Birken mit ihren weißen Stämmen färbten ihre Blätter ein ein leuchtendes Gelb und trugen es eine ganze Weile Schau, ehe sie sie nach und nach abschüttelten. Espen und Ebereschen hatten ganz andere Pläne, sie waren lange grün, gelb, rot und schwarz zugleich. Auch die Blaubeeren verfärbten sich rot und konstrastierten mit den schon erwähnten blassen Flechten, aber auch leuchtend-grünen Moosen. Kiefer und Fichte verharrten in ihrem dunkelgrünen Nadelkleid und gaben dem Wald eine gewisse Konstanz.

Kontrastreicher Farbwechsel auf kleinem Raum. Links im Bild wachsen Moorpflanzen.
Kontrastreicher Farbwechsel auf kleinem Raum. Links im Bild wachsen Moorpflanzen.
Dieses Espenblatt erstrahlt in leuchtenden Herbstfarben.
Dieses Espenblatt erstrahlt in leuchtenden Herbstfarben.

Unter so manchem Birkenwald wuchsen große, horstige Gräser. Anfangs waren sie noch hellgrün, wechselten aber langsam zu gelb, messingfarben und schließlich einer Art beige-braun. Übergangsweise zeigten sie fast alle diese Töne zusammen. Der Wald, in dem sie wuchsen, bestand fast ausschließlich aus Birken, jene standen eher licht. Das ganze Setting machte irgendwie zusätzlich Eindruck auf mich, dergleichen hatte ich noch nicht gesehen. 

Bei unserer Wanderung auf dem Bohusleden begegneten mir diese Gräser und ihr Lebensraum wieder. Eine Situation ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Wir gingen auf einem dieser schönen Bohlenwege, die durch diese schönen grasigen Birkenwälder führen. Tatsächlich habe ich mir damals gar keine Gedanken darüber gemacht, was diese Bohlenwege bedeuten. Außer vielleicht, dass es da drunter schonmal ein bisshen nass sein konnte... An einer Stelle öffnete sich die herbstliche Landschaft, die Birken strahlten mit ihrem Gelb-Weiß und die Gräser mit dieem besonderen Grün-Gelb-Messing. Ich war so verzaubert, dass ich dachte: Ich möchte Kleider tragen, die diese Farben widerspielen! - Ich wollte mich komplett in diese Farben, in diesen Eindruck betten.

(In der Tat verbrachte ich einen guten Teil meines Auslands-Semesters damit, einen Rock zu häkeln, der diesen schwedischen Herbst einfangen sollte.)

Es sollte hinterher eine ganze Weile dauern, bis ich die vergleichsweise "tristen" Buchenwälder meiner Heimat wieder lieben lernte.

Schließlich: Ein Umzug ans Moor

Es ist Anfang November 2019, wir sind auf einer der Touren durch Schleswig-Holstein, auf der wir uns Häuser anschauen, die wir kaufen wollen oder doch nicht. Eine Besichtigung in Dithmarschen schien ganz interessant, das nächste Objekt liegt in Mittelholstein. Nach ein paar Kilometern abseits des nächsten Wohnhauses taucht zwischen Wiesen und Wald eine kleine Reetdach-Kate, ein kleines Hexenhäuschen auf. Wir schauen uns mit dem noch-Eigentümer eine Weile um, schnacken ein wenig, alles passt. Fehlt nur noch der Umgebungs-Check: Führt der nächste Weg in einen öden Fichten-Forst, oder ist es interessant genug, dass ich mein Bedürfnis nach Natur-Momenten in ausreichender Qualität stillen kann?

Wir gehen den nächsten Weg rein, ein recht langer, gerade Waldweg mit viel Fichte, rechts und links gelegentlich eine Wiese. Zur Linken ändert sich dann aber der Wald, es dominieren Birken, mehr oder weniger licht beieinander stehend, darunter horstiges langes Gras in spätherbstlichem messing-beige-braun. "Das ist ja wie in Schweden!" sagen wir uns und stellen fest, dass wir unseren neuen Wohnsitz wohl gefunden haben.

Später lerne ich, dass dieses Gras "Pfeifengras" heißt und typisch für moorige Standorte ist. Leider kann es auch ein Zeichen sein, dass es dem Moor nicht so gut geht, wie es ihm gehen könnte - aber dazu ein andernmal vielleicht mehr. Unser kleines Haus liegt in unmittelbarer Nähe eines degradierten Hochmoores, in welchem früher Torf als Heizmaterial gestochen wurde. Es ist ziemlich entwässert, aber noch gut als Moor zu erkennen - wenn man denn man weiß, was man vor sich hat.

Das Moor bei Luhnstedt im Herbst.
Das Moor bei Luhnstedt im Herbst.

Das wusste ich damals in Schweden noch nicht. Die moorigen Teile der Landschaft gehörten für mich schlicht zu einem Landschafts-Mosaik, das mit seiner Andersheit (verglichen mit dem, was ich bis dato kannte) das Land einfach besonders machten. Moore sind für Teile Schwedens offenbar so charakteristisch, dass ich schon von anderer Stelle den Kommentar hörte: "Da kommt richtig Schweden-Feeling auf", wenn die Rede von einem hübschen Moor-Standort ist.

Warum verbinden Menschen aus Deutschland Moor-Lebensräume mit Schweden? Deutschland hat schließlich auch Moore! Zum einen ist das natürlich ein zufälliger Bias; auch an anderen Orten Europas gibt es (mehr oder weniger intakte) Moorlandschaften. Wer aber häufiger in Schweden Urlaub macht, stellt einfach eher die Verbindung Moor --> Schweden her als, sagen, wir, Moor --> England. Dass dieser Lebensraum so ein charakteristischer Teil der schwedischen Natur zu sein scheint, kommt nicht von ungefähr. Schließlich ist mehr als 10% der Landfläche Schwedens Moorboden, in Deutschland nur zwei bis knapp fünf. Doch selbst Menschen aus den moorreichen Bundesländern sind den Anblick, der sich einem in Schweden noch häufig bietet, kaum noch gewohnt, denn "95 Prozent der früheren Moorökosysteme sind nur noch daran erkennbar, wie ihr Boden beschaffen ist" ("Trockengelegte Moore" im Mooratlas 2023). Soll heißen: Der Boden besteht aus Torf, aber oben drauf sieht man nur Wiese, Acker oder eine Stadt. In Deutschland muss man derzeit gezielt suchen, um ein intaktes Moor zu finden. In Ländern wie z.B. Schweden stolpert man beim Wandern eventuell einfach hinein.

Als ich das erste Mal Moore, die noch als solche erkennbar sind, vor mir hatte, wusste ich nicht, wer mir da den Kopf verdreht hat. Ich wollte es auch gar nicht so genau wissen, der schöne Anblick reichte mir dereinst vollkommen. Mittlerweile ist es anders. Ich möchte diesen Lebensraum zunehmend besser verstehen und ich möchte ihn schützen. Ich möchte auch vor meiner eigenen Haustür spüren können, was ich einst in Schweden spürte.

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