Perseiden im Wilden Moor
Die Perseiden sind ein astronomisches Sommerereignis, das jedes Jahr viele Menschen nach Einbruch der Dunkelheit den Blick gen Himmel richten lässt. Eine einzelne Sternschnuppe zu bewundern, erfüllt wohl die meisten mit Freude, seit sie klein sind. Wenn die Chance hoch ist, gleich ganz viele zu sehen - und das im Sommer, wo die Nächte nicht so kalt sind - dann zieht es viele nach draußen. Doch wo geht man am besten hin, wo sieht man am meisten? Natürlich dort, wo wenige Bäume oder Gebäude einem die Sicht auf den Sternenhimmel versperren, wo wenig künstliches Licht die Nacht unnatürlich erhellt.
Theoretisch reicht dazu ein günstig gelegener Garten, eine große Wiese, ein Acker, alles etwas außerhalb der nächsten großen Stadt mit ihren Lichtern (oder des nächsten Industriegebietes). Doch unsere Wahl fiel auf einen anderen Ort.
Denn wir fuhren ins Moor.
Genauer gesagt ins Wilde Moor bei Osterrönfeld.
Einsamkeit? Fehlanzeige!
Wie staunten wir, als wir uns dem PKW-Parkstreifen nahe der Ausgucke näherten und dort ähnlich viele Autos stehen sahen wie tagsüber zur besten Spaziergangs-Zeit. Ganz offensichtlich waren wir nicht alleine mit unserer Idee.
Beide Ausgucke wurden genutzt, auch etwas nach Süden entlang des Weges stand jemand mit Kamera und nutzte den Ort zur Sternenbeobachtung. Wir gesellten uns zu zwei Menschen am kleinen Ausguck, richteten uns mit Wolldecke (ein wenig kühl war es ja doch) und Kamera mit Stativ (davon waren schon zwei weitere aufgestellt) ein und wandten die Blicke nach oben.
Im Laufe der Nachtstunden kamen immer wieder neue Menschen hinzu, während die Satelliten langsam, die Schnuppen rasend schnell über den Himmel zogen, andere gingen wieder. Es waren keine Partygruppen, die mit lauter Musik und lauten Stimmen die Sommernacht zu beleben suchten. Nein, alle verhielten sich leise, die Stimmen gedämpft. Sie waren zum Staunen hergekommen. An diesem Ort schienen sie alle eines zu suchen.
Die Stille des Moores
Ja, es war wohl still. Aber war es leise?
Ein naturnahes Moor ist gefüllt mit Leben. Zu Beginn hörte man noch vereinzelte Heuschrecken in den Gräsern zirpen. Am Wegesrand schimpfte eine Maus in schrillen Tönen über die ungewohnte Gesellschaft. Gänse, Enten und andere Wasservögel, deren Rufe ich nicht zuordnen konnte, schienen von Zeit zu Zeit ihre Schlafplätze neu ausdiskutieren zu müssen. Einmal meckerte ein Frosch. Mücken belästigten uns übrigens keine.
Hätten wir uns auf einen der frisch abgeernteten Äcker begeben, wir hätten ebenfalls relative Dunkelheit und eine freie Sicht auf Himmel und Horizont genossen. Doch die Atmosphäre auf der nackten, vom sonnigen Tag erwärmten Erde wäre eine komplett andere. Manche Menschen verbinden mit Mooren nicht bloß Weite, sondern auch Ödnis. Doch eine lebendige Ödnis - die macht etwas mit einem, vor allem nachts. Es ist schwer zu beschreiben, vielleicht auch gar nicht in Worte zu fassen.
Das Moor war nicht bloß ein geeigneter Platz, einer von vielen, die man sich aussuchen könnte. Es war ein spezifischer Ort mit spezifischer Atmosphäre und seiner eigenen, nächtlichen Dynamik. Wir waren bloß Gäste...
Mehrwert für die Menschen
In dieser Nacht zog es einige Menschen ins Wilde Moor. Sie wollten ein Himmelsereignis erleben, welches in Städten und mit Laternen beleuchteten Dorfstraßen nicht zu erleben ist, und wählten dafür diesen Ort. Dass wir uns in größeren oder kleineren Gruppen zusammenfinden, gezielt oder durch Zufall, um in den Nachthimmel zu schauen, hat kulturelle Hintergründe. Das Erlebnis stillt keinen Hunger, löscht keinen Durst, schenkt keine Wärme, bereichert uns nicht mit materiellem Gut - aber es nährt unser Wohlbefinden auf psychischer Ebene.
Intakte Moore geben uns viel, von der Speicherung von Kohlenstoff über die Schaffung von Grundwasser, Hochwasserschutz und Kühlung der Landschaft. Das sind alles Mehrwerte für uns Menschen. In dieser Nacht war ein weiterer, kultureller und psychologischer Mehrwert spürbar. Das Moor schenkt uns Ruhe und eine dunkle Nacht, in der wir, einzeln oder gemeinsam, den Blick gen Himmel richten und ehrfurchtsvoll staunen können.
Egal, was die Maus am Wegesrand davon hält.